Das Dschungelbuch
- 10-12 Min. Lesezeit
- 17 Seiten
Das Dschungelbuch, zum Vorlesen erzählt. Ein Kind, von Wölfen aufgezogen, von einem Bären und einem Panther unterrichtet, von einem Tiger verfolgt.

Es war sieben Uhr an einem sehr heißen Abend in den Seeonee-Bergen, als Vater Wolf aufwachte, sich kratzte und gähnte. Mutter Wolf lag mit ihren vier Jungen da, und der Mond schien in die Höhle herein.

Etwas kam wimmernd den Hang herauf: ein brauner Säugling, der kaum laufen konnte, der sich zwischen die Wolfsjungen drängte und lachte. Mutter Wolf sagte: «Ist das ein Menschenjunges? Ich habe noch nie eins gesehen. Bring es her.»

Das Mondlicht im Eingang erlosch. Shir Khan der Tiger war gekommen, lahm von einer alten Brandwunde, und sagte, das Menschenjunge gehöre ihm und er wolle es haben. Mutter Wolf stellte sich hin und sagte, das Junge gehöre ihr und werde leben und mit dem Rudel laufen — und Shir Khan, der nicht in die Höhle passte, ging und sagte, man werde ja sehen.

So brachten sie das Kind zum Ratsfelsen, wo das Rudel seine Jungen mustert. Das Gesetz verlangt, dass zwei für ein Junges sprechen, die nicht Vater und Mutter sind. Baloo der braune Bär, der die Jungen das Gesetz lehrt, sprach zuerst. Baghira der schwarze Panther sprach danach und zahlte außerdem einen frisch geschlagenen Stier, und das Rudel sagte: «Er soll mit uns laufen.»

Sie nannten ihn Mogli, den Frosch, weil seine Haut so glatt war. Zehn Jahre lang lief er mit den Wölfen, und Baloo lehrte ihn die Meisterworte des Dschungels — die aus jedem Vogel, jedem Tier und jeder Schlange einen Freund machen — und Baghira lehrte ihn klettern und schweigen.

Nur eines sagte Baghira ihm immer wieder: «Shir Khan ist dein Feind, und eines Tages wird sich das Rudel gegen dich wenden, denn Akela wird alt, und ein junger Wolf glaubt, was man ihm erzählt.»

An einem sehr heißen Nachmittag lag Mogli zwischen den Zweigen, und das Affenvolk kam. Sie hatten ihn beobachtet, weil er aus Stöcken Hütten baute, und sie wollten, dass er es ihnen beibringe. Sie packten ihn an den Armen und trugen ihn durch die Wipfel davon.

Mogli, der eine halbe Meile über dem Boden schaukelte, erinnerte sich an das Meisterwort der Vögel und rief es Chil dem Geier zu und bat ihn zu merken, wohin sie ihn brachten, und es Baloo zu sagen. Chil pfiff, dass er es tun werde.
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Textquelle: Handlung von Rudyard Kipling (1894), gemeinfrei. Der Text ist für Marytale neu geschrieben und zum Vorlesen gekürzt — es ist kein Nachdruck einer fremden Fassung.
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