Was ist ein Märchen: Merkmale und Aufbau

Unbestimmte Zeit, unbestimmter Ort, Zauber und ein guter Ausgang. Die Merkmale des Märchens, sein Aufbau und der Unterschied zur Sage.

Ein Märchen ist eine Erzählung, in der Übernatürliches selbstverständlich vorkommt und die meist keinen Verfasser hat. Über Generationen mündlich weitergegeben, von jedem Erzähler ein wenig verändert — deshalb existiert dasselbe Märchen in Dutzenden Fassungen.

Das ist die kurze Antwort. Die längere steckt in den Merkmalen, und die reichen aus, um bei einem Text zu entscheiden: Märchen oder nicht.

Merkmale des Märchens

Es beginnt mit einer Formel. «Es war einmal» gibt keine Auskunft, sondern sagt dem Zuhörer: wir verlassen jetzt die wirkliche Welt.

Zeit und Ort bleiben unbestimmt. Kein Land, kein Datum. «In einem fernen Königreich» genügt.

Übernatürliches ist normal. Hexen, sprechende Tiere, Zaubergegenstände, drei Wünsche — und niemand erklärt es, denn im Märchen wird nicht erklärt.

Zahlen wiederholen sich: drei Söhne, drei Aufgaben, sieben Zwerge, sieben Geißlein. Die Wiederholung half einst dem, der auswendig erzählte.

Gut und Böse sind klar getrennt, und am Ende gewinnt das Gute. Genau das lässt das Kind ruhig aus der Geschichte herausgehen.

Die meisten sind anonym. Was einen Verfasser hat, heißt Kunstmärchen.

Volksmärchen und Kunstmärchen

Volksmärchen gehören allen: «Hänsel und Gretel», «Frau Holle», «Der Wolf und die sieben Geißlein». Wer sie erfunden hat, weiß niemand.

Die Brüder Grimm haben keine Märchen geschrieben, sondern gesammelt — der erste Band der «Kinder- und Hausmärchen» erschien 1812.

Kunstmärchen haben einen Verfasser. Hans Christian Andersen (1805–1875) hat seine erfunden, und sie gehen oft nicht gut aus. Wilhelm Hauff schrieb «Der kleine Muck» und «Kalif Storch» — auch das sind Kunstmärchen, keine gesammelten.

Aufbau eines Märchens

Eine Ausgangslage, meist ein Mangel: Armut, ein verlorenes Kind, eine unerfüllbare Forderung.

Ein Aufbruch und eine Prüfung, oft dreifach.

Hilfe von außen — ein Tier, eine alte Frau, ein Zaubergegenstand.

Ein Ausgang, in dem das Gute belohnt und das Böse bestraft wird.

Märchen, Sage und Fabel

Die Sage knüpft an einen wirklichen Ort oder eine wirkliche Person an und will geglaubt werden; das Märchen will das nicht.

Die Fabel ist kurz, hat Tiere als Figuren und schreibt ihre Lehre am Ende hin.

Das Märchen ist länger, lässt Zauber zu und überlässt die Lehre dem Leser.

Volksmärchen und Kunstmärchen

**Volksmärchen** haben keinen Verfasser. Sie wurden mündlich weitergegeben, und wer sie aufschrieb — die Brüder Grimm ab 1812 — war Sammler, nicht Autor. Deshalb gibt es von jedem Volksmärchen mehrere Fassungen, und keine ist die richtige.

**Kunstmärchen** hat jemand erfunden. Hans Christian Andersen, E. T. A. Hoffmann, Wilhelm Hauff. Man erkennt sie am Schluss: Volksmärchen enden, wenn das Muster voll ist, Kunstmärchen enden mit einer Entscheidung, und die geht nicht immer gut aus.

Die kleine Meerjungfrau bekommt den Prinzen nicht. Das ist kein Versehen, sondern der Unterschied zwischen einem gesammelten und einem geschriebenen Märchen.

Typische Märchenmerkmale auf einen Blick

**Eingangs- und Schlussformel** — «Es war einmal», «und wenn sie nicht gestorben sind».

**Unbestimmte Zeit und unbestimmter Ort** — kein Land, kein Jahr, kein Name für das Dorf.

**Zauber als Selbstverständlichkeit** — niemand im Märchen wundert sich über den sprechenden Wolf.

**Magische Zahlen** — drei Söhne, drei Aufgaben, sieben Zwerge, zwölf Feen.

**Typenfiguren statt Charakteren** — der Jüngste, die Stiefmutter, der König. Keiner wird beschrieben.

**Klare Trennung von Gut und Böse** und ein Schluss, in dem beides seinen Lohn bekommt.

**Wiederholungen** — dieselbe Frage dreimal, derselbe Satz dreimal. So hielt sich die Geschichte im Kopf des Erzählers.

Ab welchem Alter Märchen

Ab etwa drei Jahren, aber nicht dieselben. Ein Dreijähriger will das Muster: dreimal dasselbe, ein Satz zum Mitsprechen, und am Ende ist alles wieder in Ordnung. Der Wolf und die sieben Geißlein und der Pfannkuchen sind genau dafür gebaut.

Ab fünf tragen die längeren Formen — eine Reise, eine Prüfung, ein entlarvter Betrüger. In diesem Alter hört Hänsel und Gretel auf, gruselig zu sein, und fängt an, befriedigend zu sein, weil das Kind den Plan durchschaut.

Ab sieben werden die Fassungen selbst interessant. Ein Kind, das ein Märchen gut genug kennt, um der eigenen Mutter zu widersprechen, ist alt genug für die Auskunft, dass es zwei aufgeschriebene Fassungen gibt und beide echt sind.

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