Rapunzel
- 6-8 Min. Lesezeit
- 16 Seiten
Rapunzel — ein Märchen der Brüder Grimm zum Vorlesen. Ein Mädchen mit goldenem Haar wohnt in einem Turm ohne Tür, und eines Tages steht unten jemand.

Vor langer Zeit wohnten am Rand einer kleinen Stadt ein Mann und eine Frau, die sich sehr lange ein Kind gewünscht hatten. Aus ihrem hinteren Fenster sah man über eine hohe Steinmauer, und dahinter lag ein Garten, in dem alles wuchs, was man sich denken kann.

Eines Tages stand die Frau am Fenster und sah unten ein Beet mit Rapunzeln, so grün und frisch, dass sie sich hinsetzen musste. Sie sagte, ohne davon werde sie nicht gesund. Sie sagte es am nächsten Tag wieder, und am dritten sagte sie gar nichts mehr, was schlimmer war.

In der Dämmerung stieg der Mann über die Mauer, schnitt eine Handvoll ab und kletterte wieder hinunter. Die Frau aß sie und war zufrieden. Am zweiten Abend ging er noch einmal, weil eine Handvoll nicht reichte.

Diesmal stand jemand im Garten. Eine alte Frau in dunklem Mantel, ganz ruhig, als hätte sie gewartet. „Du darfst nehmen, so viel du willst“, sagte sie. „Aber das Kind, das ihr bekommt, gehört mir.“ Der Mann sagte in seiner Angst Ja.

Als das Mädchen geboren war, kam die alte Frau und holte es. Sie nannte es Rapunzel und trug es im Herbst über einen Waldweg fort, und die Eltern sahen es nie wieder.

Mitten im Wald, auf einer stillen Lichtung, stand ein Turm aus grauem Stein. Er hatte keine Tür, und unten hatte er kein Fenster, nur ganz oben ein einziges kleines. Dort brachte die Alte das Kind hinauf, und dort wuchs es auf, Jahr für Jahr, und sah von der Welt nur so viel, wie durch dieses Fenster passte.

Rapunzels Haar wurde lang und golden, so lang, dass es geflochten vom Fenster bis fast zum Boden reichte. Wenn die Alte kam, rief sie hinauf, und dann ließ Rapunzel den Zopf herunter, und die Alte stieg daran hoch.

Sonst war niemand da. Rapunzel saß am Fenster und sang, weil man irgendetwas tun muss, wenn man den ganzen Tag allein ist, und ihre Stimme ging über die Lichtung und zwischen die Bäume. Die Vögel setzten sich auf das Sims und blieben sitzen, solange sie sang, und flogen erst weg, wenn sie aufhörte.
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