Rapunzel ist das Märchen, an dem sich die Arbeit der Brüder Grimm am deutlichsten zeigt. Zwischen dem Erstdruck von 1812 und der letzten Ausgabe von 1857 wurde daran mehr geändert als an fast jedem anderen Text der Sammlung — und die entscheidende Änderung besteht aus einem einzigen Satz.
Der Satz von 1812
Rapunzel fragt die Zauberin, warum ihr die Kleider um den Bauch zu eng werden. Mehr steht da nicht, und mehr braucht es nicht: die Zauberin versteht sofort, dass der Prinz im Turm war. Rapunzel selbst versteht es nicht — sie ist im Turm aufgewachsen und weiß nichts.
Wenig später bekommt sie in der Wildnis Zwillinge. Das stand in der Ausgabe, die als Kinder- und Hausmärchen erschien.
Der Satz von 1857
In der siebten Ausgabe fragt Rapunzel stattdessen, warum die Zauberin so viel schwerer hinaufzuziehen sei als der junge Prinz. Die Wirkung ist dieselbe — die Zauberin erfährt alles —, aber der Grund ist ein anderer: aus einem Körper wird eine Unachtsamkeit.
Die Zwillinge blieben übrigens stehen. Sie tauchen am Ende auf, ohne dass irgendwo erklärt wird, woher sie kommen — eine Naht, die man in der Endfassung sehen kann, wenn man weiß, wo man hinschaut.
Warum das mehr ist als eine Anekdote
Weil daran sichtbar wird, was „Originalfassung“ überhaupt heißt. Die Brüder Grimm waren keine Autoren, die ein Werk schufen, sondern Sammler, die ihr Material vierzig Jahre lang überarbeitet haben. Es gibt kein einzelnes Original — es gibt sieben Fassungen, und jede war für ihre Zeit gemacht.
Unsere Fassung folgt der späten: kürzere Sätze, dieselbe Handlung, dasselbe Ende. Was wir nicht tun, ist das Ende ändern — dann wäre es ein anderes Märchen.
Woher der Name kommt
Rapunzel ist kein erfundener Name, sondern eine Pflanze: der Feldsalat, in manchen Gegenden Rapunzel genannt. Die schwangere Mutter bekommt Gelüste danach, der Vater stiehlt sie aus dem Garten der Zauberin, und das Kind wird zur Bezahlung. Der Name des Mädchens ist also der Preis, für den es weggegeben wurde.
Dasselbe Märchen gibt es älter und mit anderer Pflanze: bei Giambattista Basile heißt das Mädchen 1634 Petrosinella — von Petersilie. Die Grimms haben die Geschichte nicht erfunden, sie haben eine sehr alte in ihrer deutschen Form aufgeschrieben.
Der Satz, der 1857 gestrichen wurde
In der Erstauflage von 1812 fragt Rapunzel die Zauberin, warum ihr die Kleider so eng würden — und damit verrät sie, dass sie schwanger ist. Die Zwillinge, die sie später in der Wüste zur Welt bringt, stehen in allen Auflagen; nur die Erklärung dafür wurde entfernt.
Ab der zweiten Auflage fragt sie stattdessen, warum der Prinz so viel leichter heraufzuziehen sei als die Frau Gotel. Das ist ein deutlich dümmerer Satz, und er ist bis heute der bekannte.
Das Märchen wurde damit nicht harmloser, nur unlogischer: die Kinder bleiben, ihr Zustandekommen verschwindet.
Was am Schluss wirklich passiert
Der Prinz stürzt aus dem Turm in Dornen und wird blind. Er irrt Jahre umher, bis er in der Wüste Rapunzels Stimme hört; ihre Tränen fallen ihm in die Augen, und er kann wieder sehen.
Kein Kampf, keine Rettung im üblichen Sinn — geheilt wird er von dem, was sie geweint hat. Das ist der Kern des Märchens, und er geht in kurzen Nacherzählungen fast immer verloren.
Wir erzählen die Fassung mit den Dornen, der Blindheit und den Tränen. Die Zwillinge lassen wir weg, weil sie ohne den gestrichenen Satz von 1812 nicht zu erklären sind — und wir sagen auf der Märchenseite, dass wir das tun.