Rotkäppchen im Original: wie es wirklich endet

Perrault 1697, die Brüder Grimm gut hundert Jahre später — und vor beiden niemand. Drei Fassungen mit drei verschiedenen Enden.

Rotkäppchen ist das beste Beispiel dafür, dass ein Märchen selten einen Verfasser hat. Dieselbe Geschichte gibt es in drei Fassungen, und sie unterscheiden sich nicht in Einzelheiten, sondern im Ende — und das Ende ist im Märchen alles.

Die Volksfassung — ohne Verfasser

Erzählt wurde sie in Frankreich und Norditalien, lange bevor sie jemand druckte. Das Mädchen trifft den Wolf, der Wolf ist zuerst bei der Großmutter, und das Mädchen entkommt durch eigene List — es sagt, es müsse hinaus, und läuft weg. Gerettet wird es von niemandem, weil niemand da ist.

Charles Perrault, 1697

Der erste, der sie aufschrieb. Seine Fassung endet damit, dass der Wolf das Mädchen frisst — und damit ist Schluss, ohne Rettung. Darunter steht eine gereimte Moral, die junge Frauen vor freundlichen Fremden warnt. Das zeigt, für wen er wirklich schrieb: für den Hof, nicht für Kinder.

Die Brüder Grimm, 1812

Sie haben den Jäger hinzugefügt, der dem Wolf den Bauch aufschneidet und Großmutter und Enkelin lebend herausholt. Ihre Fassung hat außerdem einen zweiten Teil, in dem Rotkäppchen einem weiteren Wolf begegnet und diesmal weiß, was zu tun ist. Diese Fassung hat sich durchgesetzt.

Welche man einem Kind vorliest

Die mit dem Jäger, und nicht, weil sie milder ist. Ein Kind hält Angst im Märchen aus, wenn die Angst aufhört; Perraults Fassung lässt sie stehen. Unsere folgt den Grimms: die Spannung bleibt, niemand wird vor den Augen des Lesers gefressen, und beide kommen nach Hause.

Warum sich die Fassungen so unterscheiden

Weil sie für verschiedene Leute geschrieben wurden. Perrault verfasste seine für den Hof — daher die warnende Moral und die fehlende Rettung: es ist ein Gleichnis für Erwachsene über Zutrauen zu Fremden. Die Grimms gaben ein Buch heraus, das Familien kauften, und eine Familie will nicht, dass ein Kind bei der Szene einschläft, in der alle tot sind.

Die Volksfassung war keines von beidem. Erzählt wurde sie abends unter Erwachsenen, und das Mädchen kam allein davon, weil in jener Welt niemand gerettet wurde.

Das rote Käppchen selbst

Die Einzelheit, an die sich alle erinnern, kommt erst bei Perrault vor — in den Volksfassungen trägt das Mädchen gar keine Kopfbedeckung. Perrault fügte sie als Erkennungszeichen hinzu und traf so gut, dass das Märchen dreihundert Jahre später nach der Mütze heißt und nicht nach dem Wolf.

Drei Fassungen, drei Schlüsse

**Mündlich, vor 1697.** Kein Käppchen, keine Rettung. Das Mädchen sagt dem Wolf, es müsse hinaus, er bindet ihm einen Faden ans Bein, und es bindet den Faden an einen Baum und geht heim. Es rettet sich selbst.

**Perrault, 1697.** Das rote Käppchen kommt dazu. Der Wolf frisst die Großmutter und das Mädchen, und hier hört die Geschichte auf. Darunter steht eine gereimte Lehre für junge Damen.

**Brüder Grimm, 1812.** Ein Jäger schneidet beide lebend heraus. Angehängt ist ein zweiter Schluss, in dem Rotkäppchen einem weiteren Wolf begegnet und einfach weitergeht.

Welche Fassung vorlesen

Bis etwa fünf die Grimm-Fassung. Nicht aus Rücksicht, sondern weil eine Warnung nur dann etwas nützt, wenn man auf sie reagieren kann. Eine Fassung, in der ein Fehler endgültig ist, lässt ein kleines Kind mit der Angst allein.

Einem älteren Kind lohnt sich die mündliche Fassung, frei erzählt: der Faden am Baum bleibt dreißig Jahre im Gedächtnis, und es ist die einzige Fassung, in der das Mädchen sich selbst befreit.

Der Wolf sollte in jeder Fassung gefährlich bleiben. Kinder merken sehr schnell, wenn einer Geschichte die Zähne gezogen wurden, und hören dann nicht mehr zu.

Artikel

Die Märchen dazu