Grimms Märchen in der Originalfassung

Die erste Ausgabe von 1812 unterscheidet sich von dem, was wir kennen: Rapunzel wurde schwanger, Schneewittchen wollte die eigene Mutter töten.

Die Brüder Grimm haben ihre Sammlung siebenmal herausgegeben, über fünfundvierzig Jahre: der erste Band 1812, die letzte Ausgabe 1857. Zwischen der ersten und der letzten Fassung hat sich so viel geändert, dass es an vielen Stellen zwei verschiedene Bücher sind. Wer nach „Grimms Märchen in der Originalfassung“ sucht, sucht genau diese erste Ausgabe.

Warum sie überhaupt geändert wurden

Weil sich die Brüder im Leser geirrt hatten. Jacob und Wilhelm waren Sprachforscher und sammelten Märchen als Material für die Sprachwissenschaft — nicht als Kinderbuch. Gekauft wurde das Buch aber von Eltern und vorgelesen wurde es Kindern, die niemand gefragt hatte. Deshalb wurden die folgenden Ausgaben milder.

Bearbeitet hat vor allem Wilhelm. Mit jeder Ausgabe wurde die Sprache literarischer, es kamen christliche Züge hinzu, und was als unpassend galt, verschwand.

Was konkret verschwunden ist

In der Rapunzel von 1812 fragt das Mädchen die Zauberin, warum ihr das Kleid um den Bauch zu eng wird — und verrät damit ahnungslos, dass sie schwanger ist und der Prinz sie besucht hat. Bis zur siebten Ausgabe war dieser Strang ganz gestrichen; Rapunzel verrät sich nun mit der Frage, warum die Zauberin schwerer hinaufzuziehen sei als der Prinz.

In Schneewittchen und in Hänsel und Gretel wollte die eigene Mutter die Kinder loswerden. Erst in späteren Ausgaben wurde daraus die Stiefmutter — eine Änderung, die bis heute hält und der die Stiefmutter im Märchen ihren Ruf verdankt.

Was nicht gestrichen wurde

Die Grausamkeit gegenüber den Bösen — davon kam von Ausgabe zu Ausgabe eher mehr. Aschenputtels Schwestern schneiden sich ein Stück vom Fuß ab, um in den Schuh zu passen, und auf der Hochzeit hacken Tauben ihnen die Augen aus. Das ist keine Volksfassung, die später gemildert wurde: das sind die Grimms, in der Ausgabe für die Familie.

Der Schluss daraus ist einfacher als gedacht: „original“ heißt nicht „echter“. Die erste Ausgabe war in einer Hinsicht härter und in einer anderen milder, und die Fassung, die ein Kind kennt, ist meistens jemandes siebte.

Wer hat ihnen das erzählt

Das Bild der beiden Brüder, die über Land ziehen und Bauern zuhören, ist schön und falsch. Die Grimms zogen nicht umher — sie luden die Erzählerinnen zu sich nach Kassel ein. Es waren überwiegend Frauen, gebildet, aus dem Bürgertum und dem niederen Adel, vor allem aus den Familien Wild und Hassenpflug.

Und hier wird es interessant. Die Hassenpflugs waren Nachfahren von Hugenotten — französischen Protestanten, die nach 1685 aus Frankreich geflohen waren — und sprachen zu Hause Französisch. Sehr wahrscheinlich kannten sie Perraults Buch von 1697.

Das erklärt etwas, das sonst wie ein Rätsel aussieht: warum so viele „urdeutsche“ Grimm-Märchen französische Entsprechungen haben, die hundert Jahre älter sind. Nicht weil zwei Völker dasselbe erfanden — sondern weil dieselben Familien sie erzählten, auf beiden Seiten der Grenze.

Dorothea Viehmann, von der mindestens achtzehn Märchen stammen, stellten sie den Lesern als hessische Bäuerin vor. Sie war die Frau eines Schneiders aus einem Kasseler Vorort und ebenfalls französischer Herkunft. Betrug war das nicht — eher der Wunsch, die Sammlung möge so volkstümlich und deutsch aussehen, wie sie es sich erträumt hatten.

Was sich zwischen den Auflagen genau geändert hat

**Aus Müttern wurden Stiefmütter.** In Schneewittchen und in Hänsel und Gretel ist es in der Erstauflage die leibliche Mutter. Für das bürgerliche Lesepublikum musste die Familie unversehrt bleiben.

**Schwangerschaften und Liebhaber verschwanden.** In der ersten Rapunzel verrät sich das Mädchen, weil ihm die Kleider zu eng werden. In der siebten Auflage fragt es nur noch, warum der Prinz leichter heraufzuziehen sei.

**Die Strafen wurden länger.** Anders als alle vermuten: die Grausamkeit gegen die Bösen nahm von Auflage zu Auflage nicht ab, sondern zu.

**Die Sprache wurde geglättet.** Wilhelm Grimm schrieb die Märchen von Auflage zu Auflage um und fügte Wendungen ein, die kein Erzähler je benutzt hat — er, nicht die Gewährsleute, hat den Ton geprägt, der heute als volkstümlich gilt.

Welche Fassung wir lesen

Unsere — und wir sagen das offen. Wir kürzen Sätze und lassen Nebenhandlungen weg, ändern aber nicht, was im Märchen geschieht und wie es endet. Die Spannung bleibt, die Grausamkeit wird nicht ausgemalt. Ein Märchen, dessen Ende man ändert, ist nicht mehr dasselbe Märchen.

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