Frau Holle
- 7-9 Min. Lesezeit
- 16 Seiten
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Frau Holle — ein Märchen der Brüder Grimm zum Vorlesen. Hinter dem Brunnen liegt eine Wiese, auf der das Brot ruft und Betten geschüttelt werden.

Eine Witwe hatte zwei Töchter. Die eine war ihre eigene, und die durfte lange schlafen. Die andere war die Tochter ihres Mannes, der nicht mehr lebte, und die stand als Erste auf, machte Feuer, holte Wasser und setzte sich am Abend mit der Spindel an den Brunnen, wenn alle anderen schon fertig waren.

Sie spann so viel und so lange, dass ihr die Finger bluteten. An einem Abend tauchte sie die Spindel in den Brunnen, um das Blut abzuwaschen, und da rutschte sie ihr aus der Hand und war weg.

Sie lief ins Haus und erzählte es. Die Stiefmutter hörte kaum zu. „Du hast sie hineinfallen lassen“, sagte sie, „dann holst du sie auch wieder heraus.“ Und damit ging sie zurück an ihre Arbeit, als wäre die Sache erledigt.

Das Mädchen stand lange am Brunnenrand und sah hinunter. Unten war es dunkel und still, und es roch nach kaltem Stein und nach Wasser, das lange nicht bewegt wurde. Sie überlegte, ob sie noch einmal ins Haus gehen und bitten sollte, aber sie wusste ja, was dann kommen würde. Am Ende setzte sie sich auf die Kante, hielt sich fest, hielt die Luft an — und ließ los.

Sie fiel nicht so, wie man in einen Brunnen fällt. Es wurde hell statt dunkel, der Fall wurde langsam, und als sie wieder stehen konnte, stand sie auf einer Wiese, die sie noch nie gesehen hatte. Über ihr war Himmel, hinter ihr kein Brunnen, und die Sonne schien, als wäre Vormittag.

Sie ging über die Wiese, weil man irgendwohin gehen muss. Nach einer Weile kam sie an einen Backofen, und aus dem Ofen rief es: „Zieh mich heraus! Zieh mich heraus, sonst verbrenne ich, ich bin längst fertig!“

Sie schob die Klappe auf, und ihr schlug die Hitze entgegen. Der Ofen war voller Brote, und die untersten waren schon dunkel an den Rändern. Sie nahm den Schieber, der neben dem Ofen lehnte, und holte sie alle heraus, eines nach dem anderen, und stellte sie ordentlich nebeneinander ins Gras zum Abkühlen, bevor sie weiterging.

Etwas später stand da ein Apfelbaum, so voll, dass die Äste bis fast auf den Boden hingen. „Schüttle mich“, rief der Baum, „meine Äpfel sind alle reif.“ Sie schüttelte, bis kein einziger mehr oben war, legte sie zu einem Haufen zusammen und ging weiter.
Textquelle: Handlung der Brüder Grimm (1812), gemeinfrei. Der Text wurde für Marytale neu geschrieben — es ist kein Nachdruck einer fremden Fassung.
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