Der Rattenfänger von Hameln
- 8-10 Min. Lesezeit
- 18 Seiten
Der Rattenfänger von Hameln zum Vorlesen. Ein Fremder befreit die Stadt von den Ratten, und als er seinen Lohn nicht bekommt, holt er sich etwas anderes.

Hameln liegt an der Weser, und im Jahr 1284 war es eine wohlhabende Stadt: Mühlen am Fluss, Kornspeicher voll bis unters Dach, und ein Rat, der auf all das sehr stolz war.

Volle Speicher haben nur einen Nachteil. Irgendwann kamen die Ratten. Zuerst waren es wenige. Dann waren es so viele, dass man sie nicht mehr zählte. Sie saßen in den Mehlsäcken, liefen über die Tische und bissen den Kindern die Schnüre von den Schuhen.

Die Bürger versuchten alles. Sie stellten Fallen, holten Katzen aus den Nachbardörfern und gossen Wasser in die Löcher. Die Ratten blieben und wurden mehr.

Und dann stand an einem Morgen ein Fremder auf dem Markt. Er trug einen Mantel aus vielen verschiedenen Farben, und in der Hand hielt er eine Pfeife. — Ich kann euch von den Ratten befreien — sagte er. — Was zahlt ihr mir dafür?

Der Rat beriet sich kurz. Dann nannte man eine Summe, so hoch, dass die Ratsherren selbst darüber lachten, als der Fremde sie ohne Zögern annahm. — Abgemacht — sagte er. — Heute Abend.

Am Abend ging er durch die Gassen und spielte. Es war keine Musik, die man kannte: leise, dünn, und sie hörte nicht auf.

Aus jedem Keller, aus jeder Scheune, aus jedem Loch in jeder Mauer kamen die Ratten. Sie liefen hinter ihm her, und es wurden immer mehr, bis die Gasse hinter ihm aussah wie ein grauer Fluss.

Der Fremde ging hinaus zur Weser, stieg bis zu den Knien ins Wasser und spielte weiter. Die Ratten liefen ihm nach, und das Wasser trug sie fort, und am Morgen war in Hameln keine einzige mehr.

Der Fremde kam zum Rathaus und wollte seinen Lohn. Und nun, da die Ratten fort waren, fand der Rat die Summe plötzlich unverschämt. — So viel? Für ein paar Lieder? — sagte der Bürgermeister. — Nimm das hier und sei zufrieden.
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Textquelle: Deutsche Volkssage, gemeinfrei; schriftlich überliefert seit dem 15. Jahrhundert, bekannt gemacht durch die Brüder Grimm (Deutsche Sagen, 1816). Der Text ist für Marytale neu geschrieben — er ist kein Nachdruck einer fremden Ausgabe.
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