Was ist eine Fabel: Merkmale und Beispiele

Kurz, mit sprechenden Tieren, und am Ende steht die Lehre ausgeschrieben. Die Merkmale der Fabel, ihr Aufbau und neun Beispiele.

Eine Fabel ist eine kurze Erzählung, deren Figuren meist Tiere sind, die wie Menschen sprechen und handeln, und die mit einer ausdrücklich formulierten Lehre endet.

Genau diese ausgeschriebene Lehre trennt die Fabel vom Märchen. Das Märchen überlässt dem Leser den Schluss, die Fabel sagt ihn.

Merkmale der Fabel

Sie ist kurz. Zwei bis drei Minuten Lesezeit, denn sie trägt ein einziges Geschehen. Kommt ein zweites dazu, verwischt die Lehre.

Die Figuren sind Tiere, und jedes steht für eine Eigenschaft: der Fuchs für Schläue, die Ameise für Fleiß, der Löwe für Stärke. Manchmal sind es auch Naturkräfte wie Wind und Sonne.

Zeit und Ort spielen keine Rolle. Ein «Es war einmal in einem fernen Land» gibt es in der Fabel nicht — wo es geschieht, trägt zur Lehre nichts bei.

Am Ende steht die Lehre, oft ein einziger Satz. In den Texten auf dieser Seite steht sie getrennt über der Geschichte, damit sie das Ende nicht verdirbt.

Aufbau der Fabel

Klassisch werden drei Teile unterschieden. Die Ausgangssituation stellt die Figuren vor: ein Fuchs sieht Trauben. Der Konflikt bringt das Problem: er kommt nicht heran. Die Lösung schließt ab: er geht und erklärt die Trauben für sauer.

Dazu kommt der Teil, den nur dieses Genre hat: die Lehre am Schluss.

Fabel-Beispiele

Die bekanntesten werden Äsop zugeschrieben, und alle stehen hier im vollen Text:

«Der Fuchs und die Trauben» — er erreicht sie nicht und erklärt sie für sauer.

«Die Ameise und die Grille» — die eine sammelt im Sommer, die andere singt.

«Der Hase und die Schildkröte» — das Wettrennen, das der Schnellere aus Übermut verliert.

«Der Löwe und die Maus» — das kleinste Tier rettet am Ende das größte.

«Der Wind und die Sonne» — eine Wette darüber, wer einen Mann dazu bringt, den Mantel abzulegen.

«Der Rabe und der Fuchs», «Der Hirtenjunge und der Wolf», «Der Wolf im Schafspelz» und «Die Stadtmaus und die Landmaus» stehen im selben Bereich.

Wer die Fabeln geschrieben hat

Die meisten werden Äsop zugeschrieben. Die Überlieferung setzt ihn in das antike Griechenland des 6. Jahrhunderts vor Christus und nennt ihn einen Sklaven. Von ihm selbst ist nichts erhalten: die Fabeln liefen jahrhundertelang mündlich um und wurden erst viel später aufgeschrieben.

Im 17. Jahrhundert machte der Franzose Jean de La Fontaine (1621–1695) Verse daraus. Im deutschen Sprachraum ist Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) der Name, der dazugehört: seine «Fabeln» von 1759 sind bewusst knapp gehalten — er hielt den Schmuck für einen Feind der Lehre.

Unterschied zwischen Fabel und Märchen

Das Märchen ist länger und lässt Übernatürliches zu: Hexen, Zauber, sprechende Spiegel. In der Fabel gibt es davon nichts — außer dass Tiere sprechen, ist alles gewöhnlich.

Das Märchen beginnt mit einer Formel und erzählt in unbestimmter Zeit. Die Fabel steigt direkt in das Geschehen ein.

Der größte Unterschied steht am Schluss: das Märchen überlässt die Lehre dem Leser, die Fabel schreibt sie hin.

Der Aufbau einer Fabel

Fabeln folgen fast immer demselben Dreischritt, und genau danach wird in der Schule gefragt.

**Die Ausgangssituation.** In zwei, drei Sätzen steht da, wer wem begegnet und was auf dem Spiel steht. Der Fuchs sieht die Trauben.

**Der Dialog oder die Handlung.** Hier fällt die Entscheidung, und sie fällt schnell. Der Hase legt sich ins Gras.

**Der Schluss mit der Lehre.** Ein Satz, der aus der Geschichte heraustritt und sagt, worum es ging. Bei Lessing steht er manchmal davor statt dahinter — das ändert nichts am Gattungsmerkmal.

Welche Tiere stehen für welche Eigenschaft

Die Tiere der Fabel sind feste Rollen, keine Tiere. Wer sie kennt, versteht jede Fabel beim ersten Hören.

**Fuchs** — schlau und hinterlistig. **Löwe** — Macht und Stolz. **Wolf** — Gier und Gewalt. **Esel** — Dummheit, aber auch Geduld. **Lamm** — Unschuld. **Rabe** — eitel. **Ameise** — fleißig. **Grille** — leichtsinnig. **Schildkröte** — langsam und beharrlich. **Maus** — klein und darum unterschätzt.

Diese Zuordnungen sind älter als jede einzelne Fabel und haben die Sprache geprägt: «schlau wie ein Fuchs» ist kein Vergleich mit einem Tier, sondern mit einer Fabelrolle.

Äsop, Lessing und La Fontaine

**Äsop** soll im sechsten Jahrhundert vor Christus in Griechenland gelebt haben; ob es ihn gab, ist unklar. Von ihm stammt nichts Geschriebenes — die Fabeln liefen mündlich um und wurden viel später gesammelt.

**Jean de La Fontaine** brachte sie 1668 in Frankreich in Verse und machte aus der Lehrgeschichte Literatur für den Hof.

**Gotthold Ephraim Lessing** ging 1759 den umgekehrten Weg: er strich alles Schmückende wieder heraus. Seine Fabeln sind oft nur fünf Zeilen lang, weil er fand, die Fabel dürfe nicht unterhalten wollen, sondern müsse treffen.

Für das Vorlesen heißt das: Äsop ist am leichtesten, La Fontaine am schönsten, Lessing am schärfsten — und am besten geeignet, wenn ein Kind schon widersprechen kann.

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