Der Löwe und die Maus
- 5-7 Min. Lesezeit
- 13 Seiten
Der Löwe und die Maus — eine Fabel von Äsop mit Moral zum Vorlesen. Eine Maus lief eilig über etwas Warmes, Weiches, das quer über dem Pfad lag.

Am Mittag, wenn nicht einmal das Gras sich bewegt, schlief der Löwe im Schatten eines großen Steins. Er schlief so, wie nur die schlafen, die vor niemandem Angst haben: auf der Seite, die Pranken weit von sich gestreckt, die Schnauze im warmen Gras. Fliegen liefen ihm über den Rücken, und er zuckte nicht einmal, denn eine Fliege ist kein Grund, den Schlaf zu unterbrechen.

Denselben Weg kam eine Maus nach Hause. Sie trug ein Korn, das größer war als ihr eigener Kopf, und hatte es eilig, denn bis zum Bau war es noch weit und das Korn wurde mit jedem Schritt schwerer. Zweimal fiel es ihr aus den Pfoten, zweimal hob sie es wieder auf. Am Ende beschloss sie, den Weg abzukürzen, und lief mitten über etwas Warmes und Weiches, das quer über dem Pfad lag.

Das Warme und Weiche war eine Löwenpranke. Der Löwe öffnete ein Auge, dann das andere, und die Pranke schloss sich über der Maus wie ein Deckel über einer Kiste. Es wurde dunkel und sehr still. Irgendwo hoch über ihr bewegte sich ein Atem, so groß, dass davon das Gras am Wegrand zitterte.

„Friss mich nicht“, sagte die Maus unter der Pranke, so laut sie konnte. „Ich weiß, dass ich klein bin. Ich weiß, dass man mich von dort oben nicht einmal sieht. Aber eines Tages nütze ich dir. Wirklich. Ich weiß noch nicht wann und noch nicht wie, aber ich nütze dir.“

Der Löwe hob die Pranke, um zu sehen, wer so etwas behauptet. Er sah eine Maus, kaum größer als seine eigene Kralle, voller Staub, mit einem Korn, das sie nicht einmal jetzt losgelassen hatte. Und er lachte, dass seine Flanken bebten und vom Stein der Sand rieselte. Er lachte lange. Dann winkte er mit der Pranke und ließ sie laufen, denn wer einen Löwen so zum Lachen bringt, dem tut man nichts mehr.

Die Maus rannte nach Hause und erzählte die Geschichte drei Tage lang jedem im Bau, jedes Mal ein bisschen anders. Der Löwe hatte sie bis zum Abend vergessen. Bis zum Morgen hatte er sie ganz vergessen, denn Löwen merken sich Gerüche und Wege, nicht solche Kleinigkeiten.

Ein paar Tage später spannten Menschen dort, wo der Waldweg am schmalsten ist und man zwischen zwei Bäumen hindurchmuss, ein Netz aus dicken Stricken. Sie taten es nachts, banden die Enden tief am Boden fest und gingen weit weg, damit nichts nach Mensch roch. Am Morgen sah der Pfad aus wie immer.
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