Der Wind und die Sonne
- 4-6 Min. Lesezeit
- 13 Seiten
Der Wind und die Sonne — eine Fabel von Äsop mit Moral zum Vorlesen. Wer dem Wanderer den Mantel abnimmt, gewinnt — und es ist nicht der Stärkere.

Der Wind und die Sonne stritten darüber, wer von beiden stärker sei. Sie stritten nicht zum ersten Mal und kamen nie zu etwas, denn die Sonne sprach ruhig und selten, und der Wind unterbrach mitten im Satz. An diesem Tag fing es schon im Morgengrauen über den Feldern an und hörte nicht mehr auf.

„Sieh mich doch an“, sagte der Wind. „Ich werfe Bäume um, die hundert Jahre gewachsen sind. Ich decke Scheunen ab. Ich hebe das Meer so hoch, dass die Schiffe im Hafen bleiben und drei Tage nicht auslaufen. Die Leute schließen vor mir die Läden. Und du? Du scheinst.“

„Ich scheine“, gab die Sonne zu. „Das stimmt, mehr tue ich nicht, und vor mir schließt niemand die Läden. Aber messen wir uns diesmal anders, denn vom Bäumeumwerfen erfahren wir nichts: ein umgeworfener Baum liegt, und das war es. Siehst du den Mann dort unten auf dem Weg bergauf?“

Auf dem Weg ging tatsächlich ein Wanderer. Es war kühl und noch früh, Tau lag auf dem Gras am Graben, und er trug einen dicken Mantel, bis oben zugeknöpft, und einen Hut tief in der Stirn. Er hatte ein Bündel auf dem Rücken, ging gleichmäßig und sah sich nicht um, und man sah ihm am Schritt an, dass er noch weit vorhatte.

„Der gewinnt von uns“, sagte die Sonne, „der es zuerst schafft, dass er den Mantel auszieht. Selbst. Niemand darf ihn ihm von den Schultern ziehen oder am Weg herunterreißen. Er soll ihn freiwillig ablegen, weil er es will.“ — „Einverstanden“, sagte der Wind, und eigentlich sagte er es schon nicht mehr, sondern holte über den Feldern Luft.

Er nahm Anlauf über die Felder, fuhr über den Graben und traf den Wanderer mit dem ersten Stoß — mit einem von denen, bei denen sich sonst auf dem ganzen Weg der Staub hebt und die Vögel in der Luft umkehren.

Der Wanderer blieb mitten im Schritt stehen und hielt den Mantel mit beiden Händen fest. Er stand einen Augenblick so, mit dem Rücken zum Wind und halb geschlossenen Augen, und ging dann weiter: vornübergebeugt, langsamer als vorher, aber gar nicht so, als wollte er stehen bleiben.
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