Märchenfiguren zerfallen in zwei Gruppen, und die zweite wird fast immer übersehen. Die einen haben Namen und eine eigene Geschichte — Aschenputtel, Rapunzel, Rotkäppchen. Die anderen haben gar keinen Namen und brauchen auch keinen: der jüngste Sohn, die Stiefmutter, der König, die alte Frau am Wegkreuz.
Die zweite Gruppe ist die wichtigere. Im Märchen zählt nicht, wie jemand ist, sondern wo er steht — und darum kehrt dieselbe Figur in Hunderten von Geschichten in anderer Verkleidung wieder.
Rollen, die in jedem Märchen wiederkehren
**Der Jüngste von dreien.** Er gewinnt immer, und nie durch Stärke. Er gewinnt, weil er sein Brot mit jemandem geteilt hat, an dem die älteren Brüder vorbeigegangen sind.
**Die Stiefmutter.** Der Grund für den Mangel im Haus. Warum sie grausam ist, erklärt das Märchen nie — in der Erstauflage der Grimms war sie ohnehin oft die leibliche Mutter.
**Der König.** Stellt die unmögliche Bedingung. Er muss weder gut noch böse sein; seine Rolle ist, die Aufgabe auszusprechen.
**Der Helfer.** Ein Tier, eine alte Frau, ein Zaubergegenstand. Er erscheint nach der Probe der Güte, nicht davor.
**Der falsche Held.** Er schreibt sich fremde Taten zu und wird durch etwas entlarvt, das man nicht fälschen kann: einen Schuh, einen Ring, Blut.
**Der Gegenspieler.** Wolf, Drache, Hexe, Riese. Seine Aufgabe ist es, Hindernis zu sein, nicht einen Grund zu haben.
Der russische Forscher Wladimir Propp zerlegte 1928 hundert Märchen und zählte sieben solcher Rollen. Sie reichen für fast jedes.
Die bekanntesten Märchenfiguren
**Aschenputtel** — die Tochter des Hauses, die darin zur Magd wurde. Bei den Grimms gibt es keine Fee: es hilft ein Haselbaum auf dem Grab der Mutter und ein weißer Vogel darin.
**Rotkäppchen** — benannt nach einer Mütze, die erst Perrault 1697 hinzufügte; in den mündlichen Fassungen trägt das Mädchen gar nichts auf dem Kopf.
**Der Wolf** — in der Fabel eine eindeutige Figur (Gier und Gewalt), im Märchen eine Bedrohung, die überstanden werden muss. Zwei verschiedene Rollen desselben Tieres.
**Rapunzel** — trägt den Namen der Pflanze, die ihr Vater aus dem Garten der Zauberin stahl; bezahlt wurde mit dem Kind.
**Dornröschen** — die dreizehnte weise Frau war nicht eingeladen, weil der König nur zwölf goldene Teller besaß. Die ganze Handlung entspringt einem Mangel an Geschirr.
**Hänsel und Gretel** — Hänsel plant, Gretel beendet es. Sie stößt die Hexe in den Ofen, während der Bruder noch im Stall sitzt.
**Die Hexe** — im Märchen fast nie erklärt. Sie ist alt, sie wohnt abseits, und sie will etwas, das dem Helden gehört.
**Frau Holle** — die seltene Figur, die weder Helferin noch Gegnerin ist: sie zahlt genau aus, was jemand verdient hat, Gold oder Pech.
Märchenfiguren und Fabelfiguren
In der **Fabel** sind die Figuren meist Tiere, und jedes vertritt eine einzige Eigenschaft: der Fuchs die List, die Ameise den Fleiß, der Löwe die Macht. Darum ist die Fabel so kurz — die Rolle steht schon im ersten Satz fest.
Im **Märchen** sind die Figuren Menschen und magische Wesen, und Tiere sind Helfer. Hier ist die Rolle keine Eigenschaft, sondern ein Platz in der Handlung.
Daraus ergibt sich die schnellste Prüffrage: Lässt sich die Figur mit einem einzigen Adjektiv beschreiben, ist es eine Fabel. Muss man sagen, was sie in der Geschichte tut — ein Märchen.
Warum Märchenfiguren nicht beschrieben werden
Weil das Märchen jahrhundertelang im Gedächtnis des Erzählers lebte, und die Beschreibung ist das Erste, was das Gedächtnis fallen lässt. Niemand weiß, wie Aschenputtel aussah, und niemand hat es je gewusst.
Das ist keine Armut, sondern Sparsamkeit, und es hat eine Nebenwirkung: jedes Kind sieht die Figur anders. Bild und Film nehmen dieses Bild weg — deshalb lohnt es sich, ein Märchen gelegentlich ohne Illustrationen zu lesen und zu fragen, wie das Kind es sich vorstellt.