Dornröschen

  • 7-9 Min. Lesezeit
  • 16 Seiten

Dornröschen — ein Märchen der Brüder Grimm zum Vorlesen. Zwölf Frauen werden eingeladen, die dreizehnte nicht, und sie kommt trotzdem.

Ein König und eine Königin wünschten sich lange ein Kind, und als endlich eine Tochter geboren wurde, gab es ein Fest, wie es…

Ein König und eine Königin wünschten sich lange ein Kind, und als endlich eine Tochter geboren wurde, gab es ein Fest, wie es im Land noch keines gegeben hatte. Der König lud alles ein, was Rang und Namen hatte, und dazu die weisen Frauen, damit sie dem Kind gut gesinnt seien.

Es gab dreizehn weise Frauen im Reich.

Es gab dreizehn weise Frauen im Reich. Aber goldene Teller gab es nur zwölf, und deshalb blieb eine ohne Einladung. Es war keine Bosheit. Es war einfach das, was man tut, wenn man Teller zählt und nicht Menschen.

Beim Fest traten die Frauen der Reihe nach an die Wiege: Schönheit, Klugheit, Freundlichkeit, eine gute Stimme, ein sicheres…

Beim Fest traten die Frauen der Reihe nach an die Wiege: Schönheit, Klugheit, Freundlichkeit, eine gute Stimme, ein sicheres Gedächtnis. Elf hatten gesprochen, als die Tür aufging.

Die Dreizehnte kam herein, ging bis zur Wiege und sagte laut, damit es jeder im Saal hörte: „Mit fünfzehn Jahren wird sich…

Die Dreizehnte kam herein, ging bis zur Wiege und sagte laut, damit es jeder im Saal hörte: „Mit fünfzehn Jahren wird sich die Königstochter an einer Spindel stechen und tot umfallen.“ Dann drehte sie sich um und ging wieder hinaus.

Die zwölfte weise Frau hatte ihren Wunsch noch nicht gesagt.

Die zwölfte weise Frau hatte ihren Wunsch noch nicht gesagt. Sie trat vor, und im Saal war es so still, dass man die Kerzen hörte. Aufheben konnte sie nichts, denn was einmal gesagt ist, bleibt gesagt. Aber mildern konnte sie es, und das tat sie: „Sie wird nicht sterben. Sie wird hundert Jahre schlafen, und dann wacht sie auf.“

Der König ließ noch am selben Tag jede Spindel im Land einsammeln und auf dem Hof verbrennen.

Der König ließ noch am selben Tag jede Spindel im Land einsammeln und auf dem Hof verbrennen. Fünfzehn Jahre lang wuchs die Tochter auf, ohne je eine zu sehen, und alle im Schloss achteten darauf, dass es so blieb — so sehr, dass die Sache irgendwann niemandem mehr auffiel, weil man an etwas, das es nicht gibt, nicht denkt.

An ihrem fünfzehnten Geburtstag waren die Eltern nicht zu Hause.

An ihrem fünfzehnten Geburtstag waren die Eltern nicht zu Hause. Das Mädchen ging durch das Schloss, so wie man geht, wenn niemand da ist und alle Türen einem gehören: erst durch die großen Säle, dann durch die Gänge, dann eine Treppe hinauf, die sie noch nie gegangen war.

Oben in einem Turmzimmer saß eine alte Frau und spann.

Oben in einem Turmzimmer saß eine alte Frau und spann. Sie war so alt, dass sie von dem Verbot nichts gehört hatte, und sie war so allein, dass sie sich über Besuch freute. „Was ist das?“ fragte das Mädchen. „Das dreht sich so lustig.“ Und sie griff danach.

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