Tischlein deck dich
- 8-10 Min. Lesezeit
- 16 Seiten
Tischlein deck dich — ein Märchen der Brüder Grimm zum Vorlesen. Drei Brüder bringen drei Dinge heim, und zwei davon sind zu gut, um sie stehen zu lassen.

Ein Schneider hatte drei Söhne und eine Ziege, und die Ziege war ihm wichtiger als alles andere im Haus. Jeden Tag musste einer der Söhne mit ihr auf die Weide, und jeden Abend fragte der Vater dasselbe: „Ziege, bist du satt?“

Der älteste Sohn führte sie zuerst hinaus, an den Fluss, wo das Gras bis an den Bauch reicht. Er saß den ganzen Tag dabei und sah zu, wie sie fraß, und am Abend fragte er sie selbst: „Ziege, bist du satt?“ — „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt“, sagte die Ziege.

Zu Hause aber, als der Vater dieselbe Frage stellte, sagte die Ziege plötzlich, sie habe nichts bekommen als kahles Gras. Der Vater glaubte der Ziege, nahm die Elle vom Haken und trieb den Ältesten damit zur Tür hinaus. Dem zweiten Sohn erging es am nächsten Tag genauso, und dem dritten am Tag darauf.

Erst als alle drei fort waren, ging der Vater selbst mit der Ziege auf die Wiese und hörte am Abend, was seine Söhne gehört hatten. Da wusste er es. Aber da war das Haus schon leer, und er saß bis in die Dämmerung allein auf der Schwelle.

Die drei Söhne waren da längst weit weg. An einer Wegkreuzung hatten sie sich getrennt, jeder nahm eine andere Straße, und jeder ging in die Lehre: der Älteste zu einem Schreiner, der Zweite zu einem Müller, der Jüngste zu einem Drechsler.

Als der Älteste ausgelernt hatte, bekam er einen kleinen Tisch zum Abschied. Der Tisch sah aus wie jeder andere Tisch, aber unterwegs, am Straßenrand, sagte er zum ersten Mal: „Tischlein, deck dich“ — und stand dann eine ganze Weile davor, ohne etwas anzurühren, weil auf einmal alles darauf stand, was man sich vorstellen kann.

Er kehrte in einem Wirtshaus ein, weil es regnete und weil er das erste Mal in seinem Leben Gäste einladen konnte. Am Abend, als die Stube voll war, stellte er den Tisch in die Mitte und sagte das Wort. Es wurde still, dann sehr laut, und die Gäste standen auf, um besser zu sehen.

Der Wirt stand an der Tür und sah zu und dachte lange darüber nach, wie das wohl funktioniert. In der Nacht trug er einen zweiten Tisch, der genauso aussah, durch den dunklen Flur und tauschte sie.
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