Rotkäppchen
- 7-9 Min. Lesezeit
- 16 Seiten
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Rotkäppchen — ein Märchen der Brüder Grimm zum Vorlesen. Der Weg zur Großmutter ist kurz, und der Wald daneben ist voller Gründe, ihn zu verlassen.

Es war einmal ein Mädchen, das trug immer eine rote Kappe aus weichem Samt. Sie hatte sie von der Großmutter bekommen und zog sie nie mehr aus, weder im Haus noch draußen, und deshalb nannten alle im Dorf sie nur Rotkäppchen.

Eines Morgens sagte die Mutter: „Die Großmutter ist krank. Bring ihr den Kuchen und die Flasche Wein. Geh geradeaus, bleib auf dem Weg und lauf nicht durch den Wald. Und wenn du ankommst, sag guten Tag und schau dich nicht überall um.“

Rotkäppchen versprach es, nahm den Korb und ging los. Der Weg war breit und hell, links standen die Felder, in denen schon gemäht war, rechts fing der Wald an, und die Sonne lag warm auf den Steinen. Sie kannte den Weg. Sie war ihn schon oft gegangen, allerdings nie ganz allein.

Der Weg führte in den Wald hinein, und die Sonne fiel in Flecken auf den Boden. Über ihr klopfte ein Specht am Stamm, so gleichmäßig, dass Rotkäppchen stehen blieb und hinaufsah. Es war ein schöner Morgen, und sie hatte es nicht eilig.

Zwischen den Bäumen stand plötzlich der Wolf, dort, wo der Weg schmaler wird und die Stämme näher zusammenrücken. Er kam nicht näher, er blieb einfach stehen, wo er stand, und Rotkäppchen erschrak nicht, weil sie noch nie gehört hatte, dass man vor einem Wolf erschrecken soll. „Guten Tag“, sagte der Wolf freundlich. „Wo willst du denn hin, so früh am Tag?“

„Zur Großmutter“, sagte Rotkäppchen und zeigte mit der Hand zwischen die Stämme, weit nach hinten. „Sie ist krank. Sie wohnt dort hinten im Wald, bei den drei großen Eichen, das Haus mit dem Zaun.“ — „So“, sagte der Wolf und merkte sich jedes Wort.

Dann setzte er sich ins Gras, ganz gemütlich, und deutete mit dem Kopf zur Seite. „Hast du denn schon einmal richtig hingesehen, wie es hier aussieht? Überall Blumen, eine ganze Lichtung voll. Und die Vögel singen, und du gehst vorbei, als hättest du es eilig.“

Rotkäppchen sah sich um. Und wirklich: Zwischen den Stämmen standen Blumen, hell im schrägen Licht, weiße auf hohen Stielen, und weiter hinten standen noch schönere. Ein Strauß für die Großmutter, dachte sie, das dauert doch nur einen Augenblick.
Textquelle: Volksmärchen, gemeinfrei (Perrault 1697, Brüder Grimm 1812). Der Text wurde für Marytale neu geschrieben — es ist kein Nachdruck einer fremden Fassung.
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