Der Wolf im Schafspelz
- 6-8 Min. Lesezeit
- 13 Seiten
Der Wolf im Schafspelz — eine Fabel von Äsop mit Moral zum Vorlesen. Der Wolf ging im fremden Vlies in die Herde und wurde mit ihr eingeschlossen.

Der Winter wollte nicht weichen, und der Wolf wurde jeden Tag dünner. Die Hasen waren schneller als sonst, die Mäuse saßen tief unter der gefrorenen Erde, und das Einzige, was im ganzen Tal roch, waren die Schafe des Hirten vom anderen Ufer. Der Wolf saß abends auf einem Felsen und sah so lange hinüber, bis ihm schwarz vor Augen wurde.

Näher kam er nicht. Bei der Herde liefen zwei Hunde — groß, zottig und vollkommen ruhig. Und das war die schlechteste Nachricht von allen, denn ein Hund, der keine Angst hat, läuft nicht weg und bellt nicht ohne Grund. So einer stellt sich einfach zwischen dich und die Schafe und wartet, bis du es dir anders überlegst.

Eines Tages ging der Wolf weiter als sonst und sah etwas auf dem Zaun der Hürde. Dort hing ein großes Schafsvlies — so eines, wie man es im Winter statt einer Decke auf die Bank legt — zum Lüften hinausgehängt. Der Wind bewegte es, und von weitem sah es aus wie ein Schaf, das sehr still steht.

Der Wolf zog das Vlies vom Zaun und warf es sich über den Rücken. Es war schwer und roch nach Milch, Gras und Regen — so stark, dass er sich selbst eine Weile nicht mehr roch. Dann versuchte er zu blöken. Beim ersten Mal kam etwas zwischen Blöken und Knurren heraus, also übte er unter einem Busch bis zur Dämmerung, bis es ganz erträglich klang.

Er ging in die Herde zu der Stunde, in der alles grau wird und niemand etwas zweimal ansieht. Die Schafe wichen einen Moment auseinander und schlossen sich hinter ihm wieder, wie Wasser. Der Wolf hielt den Kopf tief, dicht über dem Boden, und ging Schritt für Schritt mit den anderen, nicht schneller und nicht langsamer.

Einer der Hunde stand auf und kam heran. Er beschnupperte das Vlies einmal, dann ein zweites Mal, und blieb einen halben Schritt näher stehen, als dem Wolf lieb war. Der Wolf stand still und atmete nicht. Der Hund schnaubte, schüttelte sich und ging zurück auf seinen Platz, denn Wolle roch nach Wolle, und diese Wahrheit ließ sich mit der Nase nicht widerlegen.

Bis zur Nacht, sagte sich der Wolf, warte ich bis zur Nacht, bis alle schlafen. Aber noch ehe es ganz dunkel war, pfiff der Hirte, die Hunde kamen von zwei Seiten, und die ganze Herde floss durch das schmale Tor in den Stall — mit dem Wolf mittendrin. Hinter dem letzten Schaf schob der Hirte den schweren Balken vor.
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