Der Hirtenjunge und der Wolf
- 5-7 Min. Lesezeit
- 13 Seiten
Der Hirtenjunge und der Wolf — eine Fabel mit Moral zum Vorlesen. Dem Jungen auf dem Hügel war so langweilig, dass er ausprobieren wollte, ob Rufen wirkt.

Über dem Dorf lag ein langer, sanfter Hügel, und darauf weidete eine Herde Schafe. Auf sie aufzupassen war die ruhigste Arbeit, die man sich denken kann, und deshalb schickten sie den Jüngsten hinauf. Die Schafe fraßen Gras. Dann fraßen sie Gras. Dann gingen sie ein Stück weiter und fraßen dort Gras.

Bevor sie ihn auf den Hügel schickten, sagten die Nachbarn ihm eines: Wenn der Wolf kommt, rufst du. Einmal laut reicht, von oben trägt die Stimme bis auf den Markt. Wir kommen alle, so viele wir sind, und zwar im Laufschritt. Der Junge nickte und merkte es sich sehr genau.

Am ersten Tag war es spannend. Am zweiten schon weniger. Am dritten saß der Junge auf einem Stein und sah ins Dorf hinunter: Jemand fuhr Holz, jemand hängte Wäsche auf, vor der Bäckerei stand eine Schlange, und ein Hund jagte Hühner über den ganzen Hof. Alle taten dort unten etwas. Nur er saß da und bewachte Schafe, die gar nichts taten.

Er holte Luft und rief so laut, dass ihm der Hals weh tat: „Ein Wolf! Ein Wolf!“ Er wusste selbst nicht genau, warum. Er wollte nur sehen, ob es wirklich funktioniert.

Das Dorf hob die Köpfe auf einmal. Der Bäcker kam mit mehligen Händen heraus, eine Frau ließ den Eimer auf halbem Weg zum Brunnen stehen, zwei Männer warfen die Gabeln ins Heu und liefen den Hang hinauf. Sie liefen, so schnell sie konnten, und es fiel ihnen schwer, denn der Hügel war lang und der Tag heiß.

Oben war kein Wolf. Oben war ein Junge, der so lachte, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte, und Schafe, die nicht einmal die Köpfe hoben. Die Leute standen eine Weile, um Luft zu holen, sahen einander an und gingen wieder hinunter, einer nach dem anderen. Niemand sagte etwas, und das war das Merkwürdigste daran. Der Junge hatte mit Geschrei gerechnet oder mit Schimpfen, und bekam Stille.

Ein paar Tage später war es noch langweiliger als vorher. Der Junge stand auf, holte Luft und rief ein zweites Mal — genau gleich, mit derselben Stimme. Sie kamen auch jetzt, nur langsamer und nicht alle: Der Bäcker blieb am Ofen, die Frau trug erst das Wasser ins Haus, die Männer kamen mit den Gabeln, aber ohne Eile, und blieben auf halbem Weg stehen, als sie die ruhigen Schafe sahen. Oben war wieder niemand außer der Herde. Diesmal lachte nicht einmal der Junge.
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