Kolobok

  • 5-7 Min. Lesezeit
  • 12 Seiten

Kolobok — ein ukrainisches Volksmärchen zum Vorlesen. Der Großvater bat, die Großmutter buk, und das Brötchen fand das Fenster spannend.

Es waren einmal ein Großvater und eine Großmutter.

Es waren einmal ein Großvater und eine Großmutter. Sie lebten lange her und bescheiden: eine Hütte, ein Ofen, ein Garten und ein Pfad zum Brunnen. Eines Abends sagte der Großvater das, was man sagt, wenn man etwas sehr gern hätte, sich aber geniert zu fragen: — Frau, back doch mal einen Kolobok. Die Großmutter sah den Großvater an, dann die leere Truhe, dann wieder den Großvater.

— Und woraus soll ich ihn backen?

— Und woraus soll ich ihn backen? — sagt die Großmutter. — Mehl haben wir keins. — Kehr im Kasten nach — sagt der Großvater. — Schab die Truhe aus. Da bleibt immer etwas. Die Großmutter nahm den kleinen Besen und ging zum Mehlkasten. Sie kehrte lange, schabte sorgfältig — und brachte zwei Handvoll Mehl zusammen. Nicht viel. Aber für einen Kolobok reicht es.

Die Großmutter machte einen Teig mit saurer Sahne, rollte ihn zwischen den Händen, bis er rund und warm war, und schob ihn in…

Die Großmutter machte einen Teig mit saurer Sahne, rollte ihn zwischen den Händen, bis er rund und warm war, und schob ihn in den Ofen. Im Ofen brauste es. Durch die Hütte zog jener Duft, bei dem sogar die Katze ein Auge öffnet. Nach einer Stunde holte die Großmutter den Kolobok heraus — braun, heiß, rund wie eine kleine Sonne. Und legte ihn zum Auskühlen aufs Fensterbrett.

Der Kolobok lag auf dem Fensterbrett und kühlte aus.

Der Kolobok lag auf dem Fensterbrett und kühlte aus. Erst war es angenehm. Dann wurde es langweilig. Dann sah er hinunter, aus dem Fenster, und entdeckte, dass dort ein Weg war. Und ein Weg führt irgendwohin. Und der Kolobok dachte: „Und wenn ich mal nachsehe, wohin?“ Er wippte einmal, wippte zweimal — und rollte vom Fenster auf die Bank, von der Bank auf die Erde und von der Erde auf den Weg.

Rollt der Kolobok den Weg entlang, da kommt ihm ein Hase entgegen.

Rollt der Kolobok den Weg entlang, da kommt ihm ein Hase entgegen. — Kolobok, Kolobok, ich fresse dich! — Friss mich nicht, Häschen, ich singe dir ein Lied. Und er sang: Ich bin der Kolobok, aus dem Kasten gekehrt, mit Sahne gerührt, im Ofen gebacken, am Fenster gekühlt. Dem Großvater bin ich weg, der Großmutter bin ich weg, und dir, Hase, erst recht!

Der Hase hörte zu, ein Ohr zur Seite geneigt, denn das andere stand ihm nie gerade.

Der Hase hörte zu, ein Ohr zur Seite geneigt, denn das andere stand ihm nie gerade. Und während er zuhörte, rollte der Kolobok weiter und weiter — und war schon hinter der Biegung. Der Hase blieb allein auf dem Weg. Er dachte, das Lied sei besser gewesen als ein Mittagessen, und hoppelte ins Gras.

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