Die Familie Schnurr und die Uhr, die die Nacht anhielt
- 9-11 Min. Lesezeit
- 25 Seiten
In einem alten Haus am Rand der Stadt wohnt eine Familie von Nachtkatzen mit dem Namen Schnurr, und jede von ihnen hat ihre Aufgabe, damit die Nacht ruhig und heimelig bleibt. Nur das kleinste Kätzchen, Fleck, hat noch keine Aufgabe – dafür aber eine große Frage: Wozu brauchen wir eigentlich Regeln? Als Fleck auf dem Dachboden einen geheimnisvollen Schatz entdeckt, wird aus einer gewöhnlichen Nacht ein Abenteuer, das ihn für immer verändert. Ein warmherziges Bilderbuch über Freiheit, Zusammenhalt und die stille Kraft der Regeln.

Am Rand der Stadt stand ein altes Haus, dessen Wände im Wind knarrten und dessen Turmuhr hartnäckig immer drei Minuten nachging. Dort wohnte eine Familie von Nachtkatzen, und ihr Name war Schnurr.

Jede Katze in dieser Familie hatte ihre Aufgabe. Opa Schnurr wanderte jede Nacht über die Dächer und prüfte, ob alle Laternen gleichmäßig leuchteten.

Tante Streifchen kümmerte sich um den Schatten des Mondes, damit er niemals zu lang wurde und die schlafenden Kinder nicht erschreckte.

Und Luna, die große Schwester, wickelte die Träume in weiche, flauschige Knäuel und ließ sie ganz behutsam durch die Fenster der Kinderzimmer schweben.

Doch Fleck – der Kleinste von allen – hatte noch keine Aufgabe für die Nacht. Er war ein Kätzchen mit vier verschiedenfarbigen Pfoten, das ständig zwischen den Beinen herumtapste, immer zu spät zur Nachtberatung kam und die kniffligsten Fragen stellte.

„Warum muss ich meine Schnurrhaare putzen, wenn ich damit doch gar nicht esse?“ „Warum darf ich nicht so schnell über die Dächer rennen, wie ich will?“ „Und überhaupt … wozu brauchen wir eigentlich Regeln?“

Bei solchen Fragen schüttelte Opa Schnurr nur den Kopf. „Wir Schnurrs sind keine gewöhnlichen Katzen“, sagte er. „Wir sind die Hüter der nächtlichen Ordnung.“

„Und was ist eigentlich oben auf unserem Dachboden?“, wollte Fleck jeden Abend wissen. „Dort schlafen die alten Dinge“, brummte Tante Streifchen.

„Und ein Schatz“, scherzte Opa Schnurr. „Aber um ihn zu finden, muss man ein echter Schnurr sein.“

Eines Nachts, als die Schnurrs bei ihren Pflichten waren, konnte Fleck nicht länger an sich halten. Leise schlich er die gewundene Treppe hinauf, wo der Staub wie eine dicke, weiche Decke lag und die Spinnweben wie Spitzengardinen hingen.

Zwischen den Koffern, den erloschenen Laternen und den stummen alten Uhren blitzte etwas auf. Es war eine kleine kupferne Uhr, die statt eines Zeigers einen Katzenschwanz hatte.

„Der Schatz!“, flüsterte Fleck. „Da ist er – der echte!“ Er streckte die Pfote aus und berührte ihn. Und im selben Augenblick blieb die Zeit stehen.
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