Der gestiefelte Kater
- 7-9 Min. Lesezeit
- 16 Seiten
Der gestiefelte Kater — ein Märchen zum Vorlesen. Der jüngste Sohn erbt nur den Kater, und der Kater verlangt als Erstes ein Paar Stiefel.

Ein Müller hatte drei Söhne, eine Mühle, einen Esel und einen Kater. Als er starb, ging alles schnell und ohne Streit: Der Älteste bekam die Mühle, der Zweite den Esel, und für den Jüngsten blieb der Kater.

Der Jüngste setzte sich auf die Schwelle und rechnete nach. Aus einer Mühle wird Mehl und aus Mehl wird Brot, jeden Tag, das ganze Jahr. Aus einem Esel wird Arbeit, und Arbeit findet man immer. Aus einem Kater wird bestenfalls ein Paar Handschuhe, und selbst das brachte er nicht übers Herz, weil der Kater seit Jahren neben ihm auf der Bank saß.

„Ich habe zugehört“, sagte der Kater, der neben ihm saß. „Und ich hätte einen Vorschlag. Gib mir einen Sack und lass mir ein Paar Stiefel machen. Dann reden wir weiter.“

Der Junge hatte nicht viel, aber Stiefel für einen Kater waren wenig Leder. Er ließ sie machen. Der Kater zog sie an, ging ein paar Schritte auf und ab, prüfte den Sitz und war zufrieden.

Am nächsten Morgen ging er hinaus aufs Feld, dorthin, wo der Klee am dichtesten stand. Er legte ein wenig Kleie und zwei Salatblätter in den Sack, zog die Schnur locker, legte sich daneben ins Gras und rührte sich nicht mehr — mit offenen Augen, wie einer, der schon eine Weile nichts mehr vorhat.

Es dauerte nicht lange, bis ein junges Kaninchen in den Sack kroch. Der Kater zog die Schnur zu, warf sich den Sack über die Schulter und ging damit geradewegs zum Schloss.

„Ein Geschenk“, sagte er zum König und legte das Kaninchen vor den Thron, „von meinem Herrn, dem Grafen von Karabas.“ Der König hatte diesen Namen noch nie gehört. Aber ein Geschenk ist ein Geschenk, ein Kater in Stiefeln ist selten, und man dankt lieber, als dass man zugibt, jemanden nicht zu kennen.

Das machte der Kater eine ganze Weile so: mal ein Kaninchen, mal zwei Rebhühner, einmal einen ganzen Korb voll, und immer im Namen desselben Grafen. Nach ein paar Wochen kannte man den Namen am Hof so gut, als hätte man den Grafen selbst schon oft gesehen — und niemand konnte mehr sagen, wann eigentlich das erste Mal gewesen war.
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